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An dieser Stelle dokumentieren wir vergriffene politische Bücher und Broschüren, die in den 1970er und 1980er Jahren erschienen sind. Sie stehen teilweise im Volltext zur Verfügung. Weitere Volltexte sind auf Anfrage für den privaten Gebrauch verfügbar.

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Martin Heidegger

Info
München 1988
72 Seiten, A5
ISBN
3-922935-28-1

Kritik der bürgerlichen Wissenschaft
Martin Heidegger
Der konsequenteste Philosoph des 20. Jahrhunderts
Faschist

Ein neues Buch über Heidegger beweist, daß der verehrte Philosoph länger und häufiger mit politischen Vertretern des Faschismus verkehrt ist, als er selbst nach dem Ende des Dritten Reiches zugegeben hat.

Die bundesrepublikanischen Bildungsblätter wittern einen besprechenswerten Skandal im ewig fortgeschriebenen Problem der "Vergangenheitsbewältigung". Einer, der unter Bildungsmenschen einiges gilt, verliert seine Glaubwürdigkeit - nur weil auf verehrungswürdige Geistestraditionen erpichte Anbeter von Gedanken, die sie - nein, nicht für korrekt, sondern - für groß halten, über eines erschrecken: Wenn sie merken, daß ein "großer Denker" an dem Sündenfall der nationalen Geschichte mitgewirkt hat.

Über die Philosophie Heideggers scheint sich nach wie vor niemand aufzuregen. Philosophieprofessoren, seien sie nun Anhänger bzw. Schüler von ihm, seien sie nur Interpreten, die sich begabt und gelehrt genug wähnen, ihn zu "verstehen", ist an den Lehren des "Seinsphilosophen" nichts Anstößiges aufgefallen. Und insofern ist das bißchen Aufregung über die Mitteilungen im Buch von Victor Farias - "Heidegger und der Nationalsozialismus" gar nicht verwunderlich. Wer will sich schon gerne nachsagen lassen, einem leibhaftigen Komplizen des Faschismus Größe zu attestieren? Wer nimmt schon gerne zur Kenntnis, daß die "großen" ethischen, kosmologischen und metaphysischen Fragen, die er bei Heidegger mit Respekt genießt, vereinbar sind mit einigem, was jedem Ethiker als Böses geläufig ist? Es ist, als ob die Gemeinde der philosophischen Tradition mit dem Verdacht befaßt ist, daß ihre Geistesverwandtschaft mit Heidegger, auf die sie sich sonst einiges zugutehält, nun - nach der "Enthüllung" - ein schlechtes Licht auf ihre ureigensten philosophischen Neigungen werfen könnte.

Nachgegangen wurde diesem Verdacht indes kaum. Die Trennung zwischen dem Denker und dem Menschen, der "politisch irrte", tut nach wie vor gute Dienste. Zumal die Behauptung, Heideggers Ideengut erfülle den Tatbestand einer "faschistischen Philosophie", eines sicher nicht auf ihrer Seite hat: den Beweis, daß "Sein und Zeit" ein braunes Parteiprogramm darstellt.

Dennoch ist die so abwegig erscheinende Verleihung des Prädikats "faschistisch" an die Philosophie des Schwaben durchaus nichts Irrationales. Wer weiß, und beim Studium von Heidegger ist das kaum zu übersehen, daß er es nicht mit Parteiparolen, sondern eben mit Philosophie zu tun hat; wer darüber hinaus weiß, wie die politische Logik der Faschisten geht - und die beginnt nicht beim Antisemitismus, sondern fordert ihn als Konsequenz ganz anderer, auch jedem Demokraten geläufiger Gedanken über Gott-Staat-Mensch -, vermag durchaus zu entdecken, daß Philosophie und politischer Faschismus sehr wesentlich miteinander zu tun haben.

Allerdings nicht nur die Philosophie Heideggers. Davon handelt die vorliegende Schrift. Sie erklärt nicht nur ein paar der allergrundsätzlichsten Ideen des in Verruf gekommenen Sprachkünstlers, sondern auch die Liebe echt "demokratischer Philosophie" zu ihm. Letzere sucht auch keinen anderen Sinn, wenn sie von Glück und Tugend, Irrtumsmöglichkeit und Wahrheit, Staat und Mensch elitär schwadroniert. Von der allseits geachteten christentümlichen Philosophie ganz zu schweigen.